Johannes Kesslers «Lesinen»

Martin Luthers Kritik an den kirchlichen Missständen verbreitete sich schnell in ganz Europa. Für die Durchsetzung der Reformation waren die neuen Möglichkeiten der Kommunikation im Druck ein Glücksfall. Die Reformatoren wussten, dass sie die Bevölkerung nur dann erreichten, wenn sie in den Volkssprachen publizierten und sprachen. In St.Gallen brachte Johannes Kessler der Bevölkerung die Reformation näher in dem er mit ihnen regelmässig Bibelauszüge diskutierte.

Joachim von Watt, genannt Vadian (1484–1551), ist eine der prägendsten Figuren in der St.Galler Reformationsgeschichte. Er entstammte einer bedeutenden Politiker- und Handelsfamilie und brachte der Obrigkeit die Reformation näher. Doch auch die breite Bevölkerung interessierte sich dafür. Deren Bedürfnis erfüllte der St.Galler Johannes Kessler (1502/3–1574). Ihm kommt deshalb eine wichtige Rolle in der Verbreitung der Reformation in der Bevölkerung zu. Er hatte in Basel und Wittenberg studiert und dabei auch Luther kennengelernt. Seinen Lebensunterhalt verdiente Kessler zunächst als Sattler – und las nebenbei in öffentlichen Bibellesungen der Bevölkerung vor. Seine «Lesinen», die Bibelauslegungen, fanden zunächst in Privaträumen und später in der Kirche St.Laurenzen statt. Dabei diskutierte er die Bibel mit der Stadtbevölkerung und hatte offenbar ein Gespür für die Leute: Er konnte sie mit seinen Reden fesseln. So machte Kessler die Bevölkerung mit den reformatorischen Grundsätzen bekannt.

Der «Lesinen»-Zyklus

Im Rahmen von «Reformation findet Stadt» organisieren das Stadtarchiv und die Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde einen sechsteiligen «Lesinen»-Zyklus. Den Auftakt zu dieser Reihe bildet eine theologische Lesung am 22. Februar in der Kirche St.Laurenzen. Theologen und Historiker lesen und diskutieren Ausschnitte aus der Reformationschronik von Johannes Kessler. Weiter geht es am 8. März im Festsaal Katharinen mit einer Lesung zu Frauenklöstern in der Reformationszeit. Am 22. März stehen im «Haus zum Goldapfel» wieder Texte von Vadian, Kessler und Rütiner im Mittelpunkt. Am 5. April werden Briefe aus der Reformationszeit vorgelesen und am 26. April wird die Mode von damals vorgestellt. Abschluss ist am 3. Mai im Lesesaal der Kantonsbibliothek. Dann steht der Alltag der Bevölkerung zu dieser Zeit im Zentrum. Mehr zu den «Lesinen» finden Sie hier.